Luka Kurashvili

Die Weltwoche N. 9.22 by Michael Bahnerth view pdf

“People and Imaginary Places”

Luka Kurashvili, “Wednesday” oil on canvas. 2021-2022. 180 x 130 cm.

Die Galerie PRAXIS und Thomas Merian freuen sich, erstmalig Werke von Luka Kurashvili in einer umfassenden Einzelausstellung zu zeigen.

Das malerische Werk von Luka Kurashvili (*1985 in Tbilisi) entsteht aus dem dynamischen Zusammenspiel von genauer Beobachtung und flüchtiger Vision. Die eindringliche Qualität seiner Gemälde resultiert aus kontrastierenden malerischen Zuständen, die sich im Spektrum zwischen Wirklichkeitsnähe und expressivem Ausdruck entfalten. Ein fundamentales Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Freiheit wird in der Betrachtung der überwiegend großformatigen Leinwandarbeiten unmittelbar erfahrbar.

In ihnen herrscht eine Figürlichkeit vor, die der Maler zuvor in Skizzen oder Aquarellzeichnungen auf Papier kompositorisch anlegt. Die Motive entstammen beiläufigen Beobachtungen von banalen Handlungen und Zusammenkünften. Zu seinen Sujets zählen rauchende und trinkende Männer, Kartenspieler, ein am Flussufer sitzender Mann, ein Paar in angeregter Diskussion. Die Vorzeichnung wird in starken, oft mit Kohle verstärkten Konturen erkennbar, mit welchen der ehemalige Meisterschüler von Peter Doig die Figur im Bildgrund verankert. Seine Protagonisten findet Kurashvili in seinem engen Umfeld, es sind Freunde, Verwandte, Künstlerkollegen. Ausgehend von eigenen fotografischen Vorlagen, auf denen er bestimmte Figurenkonstellationen, sowie Körperhaltungen und Posen festhält, wählt er sein Bildpersonal wie bei einem Casting aus und führt einzelne Figuren dann wie in einer Collage zur Bildkomposition zusammen. In seiner malerischen Inszenierung alltäglicher Situationen übernimmt Kurashvili, Sohn eines Kameramannes, das Prozesshafte des Filmdrehs und die damit verbundene Spontaneität des Regisseurs, der eine Figur einfach von der Bildfläche verschwinden lassen kann.

Ähnlich sucht Kurashvili die Zufälligkeit des malerischen Prozesses zuzulassen, um die figürlichen und narrativen Zwänge zu umgehen und Handlungsspielräume zu erweitern. Insbesondere die Auflösung einzelner Bildbereiche in reine Malerei erweist sich als Akt künstlerischer Befreiung. So erscheint die zentrale Figur in „Smoking Figure“ zwar körperhaft im Vordergrund aber es fehlt die Einbindung in ein räumliches Kontinuum. Vielmehr verharrt sie seltsam in der Schwebe. Dagegen werden die flankierenden Figuren in den Hintergrund zurückgedrängt, verschmelzen schemenhaft und blass mit dessen pastelligem, aus der flächendeckenden Übermalung einer vorangegangenen Komposition hervorgegangenem Grundton.

Manchmal kommt es vor, dass Kurashvili einen Eimer Farbe über eine bereits bemalte Leinwand ausschüttet, um das Bestehende, ja das Fest-Stehende gleichsam wieder zu verflüssigen und zu verändern. In derartigen impulsiven Aktionen malerischer Improvisation, die sich mitunter an Vorbildern wie Edvard Munch oder Henri Matisse orientieren, ergießt sich Farbe in Strudeln, läuft in Rinnsälen über die Bildfläche. Hier und da formiert sie sich, wird gegenständlich, bildet ballonartige Ansammlungen, tropfenähnliche Gebilde, die in „Rainy Night in Soho“ wie ein Schwall aus dem Mittelpunkt des Bildes, einem Hauseingang in London, herauszuströmen scheinen.

Mit dem organischen Fluss der Farben, die gleichsam unter seinen Fingern zerrinnen, lässt sich Kurashvili absichtlich von den ungelenkten Prozessen des Unterbewusstseins treiben. Durch die Eröffnung einer experimentellen Ebene malerischer Unbestimmtheit, bleibt das Verhältnis zwischen Figur und Grund oft uneindeutig. Während in „Man by the River“ die Rückenfigur auf einer Brüstung am Flussufer sitzt und damit einen stabilen Halt hat, wird die linke Bildhälfte zum malerischen Experimentierfeld, in dem verschiedene Farbfelder vor- und zurückspringen und so divergierende Tiefeneindrücke erzeugen. In den malerischen Turbulenzen gerät das Gleichgewicht des Bildgeschehens ins Wanken. Kurashvilis stets zwischen einem realitätsverbundenen Illusionismus und der reinen Imagination changierende Bilder reflektieren ein kraftvolles malerisches Anliegen, welches die Ebenen des malerischen Bildgrundes nicht einfach in abstrakter Reduktion auflöst, sondern mittels figürlicher Ausgestaltung zum Gegenstand einer komplexen Bildbefragung macht.

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